Liebe Mercedes-Marketeers, Ihr habt doch gar kein Produkt für Eure “Grow up”-Spots!

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Wow, jetzt habe ich oft genug Eure neuen Spots gesehen; so langsam verstehe ich sie. Seifenblasen auf Ledersitzen! Feeling Pumped! Das Pseudo-Rapper-Upgrade zum 190er oder Dreier-BMW. Coole Bilder, Dude! Wohin aber jetzt mit dem ganzen überschüssigen Image, wenn Ihr gar kein Produkt dazu habt?

Denn Ihr habt keinen Mini Cooper, Fiat 500, Opel Adam, VW Beetle, und erst recht keinen e-Smart – sondern nur eine schale Ikone des Establishments, zu dem wir nach Euren Spots doch nun erst recht nicht mehr gehören wollen. …

Wohin jetzt also mit meiner ganzen überschüssigen Kraft? Meinen inhalierten guten Vorsätzen, nicht erwachsen werden zu wollen?
Wohin vor allem mit dieser Inconvenient Truth, mein Telefon mehr zu lieben als die Dreckschleuder meiner Eltern. Dort sowieso nicht ausziehen zu wollen. Keine Garage zu haben, damit mein Mercedes nicht in der freien Wildbahn zerkratzt wird von den anderen, die auch nicht erwachsen werden wollen?

Im Übrigen, liebe Mercedes-Marketeers, kommt diese Kampagne mindestens 12 Jahre zu spät: “… vielleicht geht es heutzutage nicht mehr darum, Traditionen blind zu folgen. Vielleicht geht es darum, sie neu zu definieren. Denn wer sagt, dass Erwachsen sein heißt, seine Freiheit aufzugeben?“.

Selbst ich dichtete schon 2005, was heute noch auf meinen Sites steht:
Digitalization, the web, and mobility maximize human’s individuality, independence & impatience with unprecedented power and pace.
Those new consumers call for innovative playing fields (markets), new rules (business models), and new players adding innovative thinking (leadership).“.

A propos “Denn wer sagt, dass Erwachsen sein heißt, seine Freiheit aufzugeben?“. Nun, eigentlich sagt Ihr das, liebe Mercedes-Marketeers. Denn Ihr wollt, dass Eure Kunden ihre Freiheit aufgeben, indem sie sich ein 30/40.000Euro-Auto ans Bein binden! Oder?

Trotzdem setze ich mich – immer noch Feeling Pumped! von Eurer Kampagne – in meinen GTI, mein Drive-Now/Car2Go, Bus & Bahn und Drive! zum Mercedes-Autohaus. Dem Tempel des Trivialen am Rande der Vorstadt.

Coitus Interruptus Automobilissimus.

Es riecht nach Bank oder Versicherung. Der kompaktklassige Schalterbeamte, mir mehr als lässig in traditioneller Erwachsenenkluft entgegendriftend, lässt alle meine “Grow Up”-Träume instagram-mäßig platzen. Neehee, denke ich, da bestelle ich lieber über dieses Internet, von dem alle reden.

Dort jedoch endet der ganze Zauber Peng! bei “Click to enable Adobe Flash Player“. Coitus Interruptus Automobilissimus.
Hm. Vielleicht bin ich schon zu alt, um noch erwachsen zu werden. Aber ich fahre ja längst Mercedes.