@thethirdclub: Wo Wirtschaft & Beratung trotzig irren

(Crossspost meiner leadmarke-Kolumne bei The Third Club)

 

Vor kurzem las ich einen manager-magazin-Artikel, der mich ob seiner Einseitigkeit doch nachdenklich stimmte.

Ob in dieser Eindimensionalität das wahre Problem von Politik, Wirtschaft, und ihrer organisierten Beratung verborgen liegt?

Nichts gegen das manager-magazin oder die organisierte Beratung von Deloitte, BCG, et al., aber Die neuen Leiden der Telekoms* sind
1. nicht wirklich neu,
2. keine 'Leiden', sondern eigene Dummheit, und
3.
treffen sie nicht allein die 'Telekoms', sondern die allermeisten
Konzerne (und unter diese subsumieren wir hier auch die organisierte
Beratung).

Hier ein paar Beispiele, die sich problemlos auf andere Branchen übertragen lassen, aus obigem Artikel:

"… Frankreich, bis Ende 2011 eine von drei Oligopolisten beherrschte Oase …"

> 'Oase'!? Was kann an einer wettbewerbs-befreiten Zone nur
Oasen-Wert haben? Einem wahren Unternehmer würde derartiges nicht über
die Lippen kommen. So können nur von Produkt und Markt entfremdete
Manager denken.

"… seitdem wildert der neue französische Billiganbieter Free Mobile im Revier der drei Platzhirsche – mit Preisen, die teils mehr als 50 Prozent unter den bisherigen liegen…"

> 'wildert'!? Während man selbst sich am Konsumenten jahrelang mit
vollkommen überhöhten Preisen gesundstieß, sind die anderen 'Wilderer',
Verbrecher, die diese überhöhten Preise nun um "teils mehr als 50 Prozent" unterbieten (können!).

Derartiges funktioniert doch nur bei fehlender Differenzierung und
entsprechend generischen Angeboten allüberall, oder? Darüber sollten die
Platzhirsche mal nachdenken.

"… dass in großen etablierten Märkten nicht mehr als drei bis
vier Spieler profitabel überleben können", sagt Andreas Gentner,
Telekommunikationsexperte beim Beratungsunternehmen Deloitte …"

> 'etablierte'!? Weil man sich nicht traut, 'gesättigt' zu sagen,
da man inzwischen auch verstanden hat, dass es keine gesättigten Märkte,
sondern nur satte Manager gibt – und man letzteren, seinen potentiellen
Kunden, nicht zu nahe treten möchte?

Man könnte natürlich seine Kunden auch derart qualitativ hochwertig beraten, dass auch "mehr als drei bis vier Spieler profitabel überleben können" oder ist das zuviel verlangt von der organisierten Beratung?

"Wenn ein etablierter Markt auf drei Spieler verteilt ist, dann
ist das okay und jeder kann profitabel arbeiten", sagt Wolfgang Bock,
Senior Partner und Telekommunikationsexperte bei BCG. "Wenn man eine
schwache Nummer vier hat, dann ist das allerdings eine Katastrophe."

> 'schwach' bedeutet in diesem Zusammenhang, das man den Markt von
unten aufrollt und das Establishment erschüttern möchte. 'Katastrophe'
bedeutet Wettbewerb.

Sind nicht tatsächlich jene schwach, die nur als Oligopol überleben
können? Die nur mit Gesetzen und Tricks Markteintrittsbarrieren für
emerging Brands schaffen können, statt mit Innovation, Differenzierung
und Qualität?

"Man könne auch radikaler denken und fragen, qualifiziert sich
eine Telekomgesellschaft eher über Technologie oder eher über Marketing
und Vertrieb, sagt Gentner."

> 'radikaler'!? Würde sich heute noch eine Telephongesellschaft
über Technologie qualifizieren, gäbe es die Probleme im Markt doch gar
nicht. Ebenso wie bei Automobil, Energie, Verlag. In den allermeisten
Märkten unterscheidet man sich allein durch Werbung, Vertrieb oder Preis
(Marketing möchte ich das lieber nicht nennen).

Das Folgende wäre radikal. Deshalb wird man sich mit aller Lobbymacht dagegen sträuben.

"Eine rein staatliche Netzgesellschaft dürfte in Europa derzeit
wenig Chancen haben, damit würde man ja zwanzig Jahre zurückgehen", sagt
Bock, der eher die privatwirtschaftliche Variante bevorzugt."

> Schaut man über seine begrenzten Horizonte – und entsprechenden
Marktdefinitionen – hinaus, muss man erkennen, dass nur die staatliche
Netzgesellschaft zB ein neutrales Internet gewährleisten kann, nicht
aber das eindimensionale Profitdenken der Wirtschaft.

Geschäftsmodelle auf dieser Basis zu entwickeln wäre radikal – und
ein Dienst an der Zukunft von Innovation, Bildung, Vielfalt und
Kreativität.

"Connected Cars, Mobile Payment und Cloud Media. Hier seien die
"notwendigen Infrastrukturen bereits vorhanden, die Märkte entwickeln
sich dynamisch und versprechen unmittelbar Umsatzpotenziale", heißt es
in der Studie."

> Man beachte 'versprechen … Potenziale'! Man könnte dies
übersetzen mit: da ist gar nichts zu verdienen, außer Beraterhonorare –
das aber 'unmittelbar'. Denn:

"Das Problem: Diese niedrig hängenden Trauben werden längst auch
von anderen Unternehmen gepflückt. Bestes Beispiel ist das Mobile
Payment, wo sich Konzerne wie Google ("Google Wallet") und Ebay
("Paypal") breit gemacht haben und auch die Sparkassen ("Girogo") und
Kreditkartenkonzerne wie Mastercard und Visa ("PayWave") ihr Stück vom
Kuchen abhaben wollen."

> Womit sich der Kreis schließt. Wettbewerb! Igittigitt.
Darauf
ist natürlich kein als Oligopolist getarnter Monopolist vorbereitet –
dessen Lobby-Budget höher als das Innovations-Budget ist.

Und natürlich kein Berater, der Märkte noch wie im alten Jahrtausend
definiert, und Geschäftsmodelle auf der Vergangenheit (also seiner
Erfahrung) und nicht auf der Zukunft (also seinen Visionen) basiert.

Am Tage obigen Artikels wurde übrigens Google Fiber vorgestellt. Das wird den Telekoms erst recht den Garaus machen.

Und entsprechend geht es weiter:

"Phone companies are losing the high-speed Internet game. In the
second quarter, the landline phone industry lost broadband subscribers
for the first time, as cable companies continued to pile on new
household and small business customers, thanks to the higher speeds they
offer in most areas".
 - Via Time.

Aber so ist das wohl, wenn man in Erhaltung des Status Quo und nicht
in Wandel denkt. Wenn man in traditionellen Strukturen und nicht in
Informal Markets (also den Dimensionen wie die Menschen selbst ihre
'Märkte' definieren) denkt …

 

*woraus alle Zitate dieses Posts (wenn nicht anders erwähnt) stammen